Früher war alles gleich

Früher war nicht alles besser. Früher war alles gleich. Nur irgendwie anders. Bereits 1913 besangen einige wenige Intellektuelle den Untergang des Abendlandes und keine verurteilten Straftäter auf hetzerischen Montagsdemonstrationen. Die restliche Welt war mit anderen Dingen beschäftigt. Sie sah frohlockend der Zukunft entgegen und ahnte nicht, dass sie ihrem ersten vorläufigen Ende nahe war. Sie hoffte und litt, lachte und haderte. Alte Strukturen brachen auf, Wandel vollzogen sich und das Burnout gab es auch schon. Allerdings hieß es noch nicht so, sondern Neurasthenie. Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Sigmund Freud; sie alle litten an Depressionen.

Die in Florian Illies‘ „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ geschilderten Empfindungen, Ereignisse und Zustände sind über 100 Jahre alt, und dennoch besitzen sie für die Gegenwart eine gewisse Gültigkeit. Auch ist der Neid kein bloßes Phänomen der heutigen Gesellschaft, denn schon damals redeten, dachten und schrieben Leute schlecht über andere. Und heute wie damals kann dieses Geschwätz als bittere Missgunst vernachlässigt werden. Kritiker bezeichneten Pablo Picasso etwa als schwächlichen Künstler und prophezeiten ihm keine große Zukunft. Ein Meisterwerk wie Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ wäre daher völlig ausgeschlossen. Diese galt seit 1911 als unauffindbar.



Von einer solchen Arbeit geschweige überhaupt einer Karriere als Maler war Adolf Hitler weit entfernt. Er malte 24-jährig in Wien Aquarelle, wohnte dauerhaft in einem Männerwohnheim und lebte im Gegensatz zu den meisten seiner rund 500 Mitbewohner fast asketisch. Und er litt. Statt an Neurasthenie litt er unter seiner Situation. Die Wiener Kunstakademie hatte ihn zweimal abgewiesen, weshalb er sich von der Gesellschaft verstoßen und zunehmend über Ausländer schimpfend im eigenen Land unwohl fühlte. Wien beherberge mehr Tschechen als Prag, mehr Juden als Jerusalem und mehr Kroaten als Zagreb. Gründe für das eigene Scheitern lassen sich schließlich leichter woanders finden als bei einem selbst.

Und was unternahm die Politik? – Sie beging die gleichen, noch heute begangenen Fehler. Sie ließ zu viel Zeit verstreichen, ehe sie handelte. Ihr fehlte der endgültige Wille; Eitelkeiten standen sich im Weg und der weitreichende Blick für das wirklich Notwendige war getrübt. Die Planungen für eine neue Haager Friedenskonferenz zur Klärung aller offenen Fragen zwischen den Völkern im Jahre 1915 liefen. Es kam aber nicht dazu. Der Erste Weltkrieg hatte es eiliger.

Mit „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ hat Florian Illies eine amüsante und spannende Chronik erschaffen, die kulturelle, politische sowie alltägliche Ereignisse mal heiter, mal launisch, aber nie langweilig erzählt.

Florian Illies, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“, 320 Seiten. Erhältlich als Hardcover (ISBN: 978-3-10-036801-0) und Taschenbuch (ISBN: 978-3-596-19324-0).

Daniel Verfasst von:

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