Männernebel

Für viele Frauen sind Männer Segen und Fluch zugleich: Der Schlüssel zum Glück und der Grund ihrer verdammten Einsamkeit. Irgendwas läuft falsch. Ein Erklärungsversuch.

Nicht zum ersten Mal klagt mir eine Freundin ihr Leid. In dieser Hinsicht bin ich anscheinend so etwas wieder der schwule beste Freund, nur dass ich eben nicht auf Männer stehe und mich irgendwo auf halber Strecke zwischen Gut und Böse befinde – salopp gesagt: ein nettes Arschloch bin.

Jedenfalls steckt eine Freundin in einer Art Dilemma. Sie hat genug davon, die Tage allein ausklingen zu lassen. Am Anfang war es zwar noch ganz angenehm, unabhängig zu sein und auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen, doch mittlerweile kämpft sie mit aller Macht gegen die häusliche Stille des Single-Lebens an, indem sie etwa Selbstgespräche führt oder zur akustischen Gesellschaft den Fernseher einschaltet.

Es ist nicht so, dass sie ohne Smartphone-Filter wie ein Haufen muffiger Wäsche aussieht und nehmen müsste, was gerade aus der dunkelsten Ecke des Bahnhofsviertels gekrochen kommt. Im Gegenteil, viele Männer würden sie als Traumfrau bezeichnen. Sie sieht gut aus, liebt Steaks und Bier, ist trotzdem schlank und lacht über nahezu jeden Spaß. Und es ist auch nicht so, dass sie niemanden kennenlernt. Aber genau hier beginnt ihrer Meinung nach das Problem: Entweder sprechen sie nur stockbesoffene Vollzeitspackos an oder Typen, die sich als zu lieb oder als zu durchtrieben erweisen.

Ein Dilemma zwischen Gut und Böse

Vor Kurzem schien es, als hätte endlich mal einer der verheißungsvollen Sorte ihre Aufmerksamkeit gewonnen. Nicht sofort auf dem ersten Blick, dafür immerhin irgendwo zwischen dem zweiten und fünften. Der Typ, nennen wir ihn Basti, teilt den gleichen Musikgeschmack, ist unterhaltsam und nicht aufdringlich. Lauter Dinge, die gelegentliche Kaffeepausen in der Universität rechtfertigen. Nur daten möchte sie ihn nicht. Sie hätte mit einer verflossenen Romanze noch nicht abgeschlossen, erwiderte sie verlegen auf die Frage nach einem „offiziellen“ Treffen außerhalb der Uni. Das mag zwar einerseits irgendwie stimmen, andererseits liegt es auch an Basti, dass der Verflossene nicht längst in Vergessenheit geraten ist. Basti ist ihr einfach zu lieb. Ein Typ, der ohne nachzufragen alles für sie tun würde. Und genau das stimmt sie traurig: Eigentlich sollten Frauen netten Männern ihr Herz öffnen und es nicht andauernd von denjenigen brechen lassen, die mit einem schelmischen Lächeln auf sie zustürmen und Chaos und Zerstörung stiften.

ORIENTIERUNGSLOS IM KREIS

Besagte Freundin ist bei Weitem kein Einzelfall. Zum Schutz des männlichen Geschlechts lassen sich die Gründe für die anhaltende Partnerlosigkeit oftmals auf weibliches Selbstverschulden zurückführen und nicht auf den angeblichen Umstand, dass es überhaupt keine tollen Männer mehr gibt oder diese bereits liiert sind. Viele Frauen betrachten die Welt bloß mit den Augen eines Maulwurfs; sie unterscheiden einzig zwischen hell und dunkel. Und als wäre das nicht schon sträflich genug, verlassen sie sich obendrein auf den launigen Willen des Zufalls.

Dabei überlassen Frauen eigentlich nichts dem Zufall. Sie zerbrechen sich über alles und jeden den Kopf, nicht selten wochen- und monatelang über unbedeutende Dinge von wildfremden Menschen, und planen gefühlt in diesem Augenblick, was sie auf den Tag genau in sieben Jahren beim Bummeln durch die Stadt tragen könnten und welche Alternativen bei einem Temperatursturz von einem halben Grad ratsam wären. Schließlich könnte ihnen der Kältetod auflauern oder der biedere Familienvater sie mit einem billigen Flittchen auf Freierfang verwechseln.

Vielen Frauen mangelt es in Bezug auf die Partnerwahl an klaren Vorstellungen, sodass sie sich orientierungslos im Kreis drehen. Sie wollen einen netten, zuvorkommenden Mann, einen wahren Gentleman, der ihnen die Tür aufhält, aber irgendwie auch nicht, da nett im heutigen Sprachgebrauch Langeweile suggeriert und Langeweile doof ist. Das Böse wiederum verspricht Abenteuer und Abwechslung, doch auf Dauer sind Abenteuer und Abwechslung zwangsläufig mit Stress verbunden und Stress ist ebenfalls doof.

Ein Psychopath bis auf den letzten Tropfen

Ein gesundes Dazwischen könnte Abhilfe schaffen. Allerdings meine ich jetzt nicht, dass der Kerl seiner Angebeteten die Tür aufhält und sie im nächsten Moment mit einem kühnen Tritt die Treppen runterbefördert. Gewiss nicht. Nichtsdestotrotz erscheint vielen Frauen selbst die positive Variante als utopisch. Daher machen sie es sich in ihrer Orientierungslosigkeit gemütlich und urteilen – analog der Hell-Dunkel-Sicht eines Maulwurfs – in Extremen. Folglich ist das Glas auch niemals halbvoll oder halbleer, sondern stets randvoll oder bis auf den letzten Tropfen geleert; egal, wie viel Inhalt sich tatsächlich im Glas befindet. Und sollte ein Mann wider Erwarten den ausgewogenen Mittelweg verkörpern, z. B. gleichzeitig einfühlsam und stark sein, dann löst das nicht gerade Verzückung aus. Stattdessen schrillen die Alarmglocken. Irgendwas muss mit diesem Kerl schiefgelaufen sein, ein irreparabler Knacks aus der Kindheit oder so. Vermutlich handelt es sich um eine gespaltene Persönlichkeit, um einen Psychopathen, der es nur darauf abgesehen hat, sie eines Tages lüstern zu foltern und mit Hingabe zu ermorden.

DAS WOLLENDE NICHTWOLLEN

Paradoxerweise wissen Frauen ganz genau, wie sie sich die Zukunft an der Seite eines Partners vorstellen (Hochzeit, Kinder, Eigenheim), während sie nicht wissen, wie er sein soll. Die Beschreibungen ähneln einer Stadt im dichten Nebel: „Halt wie ein Mann.“ – Gar nicht auszudenken, wenn Frauen bei der ohnehin schwierigen Partnersuche auch noch bevorzugte Eigenschaften verlangten …

Derweil dient jene Vagheit als Schutz. Vielen Menschen fällt es schwer, sich reflektierend mit der eigenen Person auseinanderzusetzen, da die Wahrheit durchaus schmerzhaft anmuten kann und Dinge zum Vorschein treten, die man aus Scham lieber ignorieren möchte. Gleichwohl setzen Frauen ziemlich viele Hebel in Bewegung, um nicht allein sein zu müssen. Nur fürchten sie die nächste Enttäuschung und verstecken sich hinter perfektionistischen Ansprüchen. Infolgedessen wälzen sie ihre Unklarheit auf die Herren der Schöpfung ab und erwarten funktionierende, aufs Stichwort gehorchende Männer, die mit jeder unerheblichen Schwäche und jedem unbedeutsamen Fehler dem Korb näher kommen.

Aber niemand ist perfekt. Weder unsere Eltern sind es, noch unsere Großeltern oder Geschwister. Und erst recht nicht unsere wahren Freunde. Schließlich gefällt uns doch jene Unvollkommenheit an ihnen, weshalb wir sie um uns haben wollen und sie bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit nicht gleich verlassen. Vielmehr gehen wir auf sie zu, suchen nach Kompromissen, räumen Missverständnisse aus oder ziehen uns für eine Weile zum Nachdenken zurück, denn manchmal lösen sich Probleme von selbst auf.

Selbst der dichteste Nebel über einer Stadt löst sich irgendwann auf und nicht selten folgt herrlicher Sonnenschein bei angenehmen Temperaturen (Was soll Frau da nur wieder tragen?). Das Wetter ist nicht beeinflussbar, die eigenen Lebensumstände dafür aber schon. Man muss nur zu Veränderungen bereit sein, sich realistische Erwartungen und Ansprüche schaffen, Nachsicht haben und nicht zur Ablenkung die Fehler beim anderen Geschlecht suchen. Wenn man weiß, was man möchte, weiß man auch, was man nicht möchte und dreht sich nicht orientierungslos im Kreis. Und ein paar nett gewechselte Sätze ziehen keine Verbindlichkeiten nach sich.

Das Stochern im Nebel der Extremen

Es verlangt ja niemand, dass Frauen jeden daten müssen. Es ist völlig legitim, wenn sie Körbe verteilen, solange sie dies auf respektvolle Weise tun. Allerdings sollten sie, insbesondere bei anfänglicher Sympathie, genau abwägen, wem sie die kalte Schulter zeigen, sonst wandeln sich im Beisein des TV-Geräts die geführten Selbstgespräche am Ende eines jeden Tages zu jämmerlichen Klageliedern oder die nächste Enttäuschung stellt sich als die schmerzvollste heraus.

Nur Geduld, sollte der passende Partner nicht gleich bei nächster Gelegenheit auftauchen. Irgendwo auf halber Strecke zwischen Gut und Böse wird sich schon einer finden. Und sei es ein nettes Arschloch, das man als vermeintlich schwulen besten Freund gewinnt. Gute Freunde sind allemal mehr wert als eine schlechte Beziehung. Und vor allem sind sie günstiger als Psychologen. Wenngleich sie einem nur helfen, im Nebel zu stochern.

 

 

Daniel Verfasst von:

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