Meister der Verschwendung

Allenthalben ist das wehleidige Klagen über den Makel des Lebens zu vernehmen: Es wäre viel zu kurz. Doch stimmt es wirklich, dass uns zu wenig Zeit von der Geburt bis zum Tod bleibt? Eine kurze Betrachtung.

Das Leben ist nicht viel zu kurz, wir halten uns nur viel zu lange mit unwichtigen Dingen auf. Leider weiß ich allzu gut, wovon ich schreibe. Viel zu selten habe ich mich auf meinen reinen Instinkt verlassen, viel zu oft unehrlichen Personen meine Aufmerksamkeit gewidmet und immer wieder aufs Neue den vermeintlich leichten, wenn auch falschen Weg eingeschlagen, den ich voller Euphorie getragen und von junger Ungeduld gejagt mit einer Abkürzung verwechselt habe. Und anstatt irgendwo anzukommen geschweige denn mein Ziel überhaupt zu kennen, irrte ich allein und doch inmitten einer Heerschar weiterer Verirrter auf plattgetretenen Pfaden dem Nichts entgegen.

Von klein auf wird uns eingetrichtert, dass wir stets funktionieren müssen, keine Schwächen offenbaren dürfen, dass alles immer schneller, größer und besser werden muss und dass das Optimum von gestern lediglich das Minimum von heute ist. Vor allem ist nichts, wie es scheint, und auf niemanden Verlass. Unsere Kindergartenfreunde, Mitschüler und Kollegen wären eigentlich Konkurrenten und keine Kameraden. Sie hätten es einzig darauf abgesehen, uns riesige Steine in den Weg zu legen, um uns eines Tages hinterrücks alles streitig zu machen, sofern wir nicht aufpassen und uns wiederum mit Steinen gegen sie zur Wehr setzen.

Freiheit geistiger Käfige

Wir stecken in geistigen Käfigen fest, die uns die Luft zum Nachdenken rauben, von tiefen Gräben der Gier umgeben sind und von den Erwartungen anderer bewacht werden. Die Enge empfinden wir dennoch als Freiheit, weil wir sie gewöhnt sind und es nicht anders kennen. Und es ist die Angst, die uns lähmt, an einen Rollstuhl ohne Räder fesselt und uns vorgaukelt, glücklich zu sein. Nicht wunschlos, aber immerhin irgendwie glücklich. Deshalb trauen wir uns auch nicht, aufzustehen, Laufen zu lernen und zu Freudensprüngen anzusetzen, schließlich könnten wir fallen und uns an den riesigen Steinen, die unseren Weg säumen, verletzen. Allerdings liegen vor uns keine riesigen Steine, nicht einmal Kiesel, sondern wir stehen uns nur selbst im Weg.

Wir haben überall unsere Ohren, wissen über alles und jeden Bescheid und geben auf alles Acht, nur nicht auf uns selbst. Wir trauen uns nicht, in uns zu horchen, unseren wahren Gefühlen und Sehnsüchten zu lauschen und das auszublenden, was man von uns erwartet. Was Eltern, Bekannte und sogar Wildfremde von uns erwarten. Wir sind zerrissen: Einerseits wollen wir so sein, wie andere uns gerne sehen möchten, wollen allen gefallen und von ihnen bewundert werden, andererseits wollen wir selbst das Glück definieren, es küssen und uns darin baden. Wir wollen leben, als wäre es der letzte Tag, wollen lachen, tanzen und singen. Wir wollen die Welt bereisen, doch besuchen nicht einmal den besten Freund am anderen Ende der Stadt, um ihm zu sagen, wie gern wir ihn haben. Wir wollen Erfahrungen sammeln, doch verlassen nicht einmal an einem herrlichen Sommerabend die eigenen vier Wände für einen ausgedehnten Spaziergang mit der Freundin. Und wir wollen Leute kennenlernen, doch kennen nicht einmal den Nachbarn.

Unzählige Gelegenheiten des Glücks

Wir schrecken vor Veränderungen zurück, vor gravierenden, aber notwendigen Veränderungen, denn wir wollen niemanden verletzen und verletzen uns damit selbst am meisten. Wir zwängen uns in Rollen, die wir hassen, für die wir nicht geschaffen sind und berauschen uns zum Trost am Geld und glauben, dass sich Glück drucken und überweisen lässt. Für das scheinbare Glück studieren wir grässliche Fächer, nehmen langweilige Jobs an und verschwenden Zeit mit faden Menschen, die irgendwann weiterziehen und auf plattgetretenen Pfaden dem Nichts entgegenirren.

Wir sind Meister der Verschwendung. Nur verschwenden wir kein Dopamin, sondern unzählige Gelegenheiten des Glücks. Aber das Leben ist zu kurz, um es zu verschwenden, und lang genug, um rechtzeitig damit zu beginnen.

Daniel Verfasst von:

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