Nichts als kalter Kaffee

Alle sind getrieben, alle sind im Stress. Jeder hetzt von hier nach da, und dennoch ist niemand dort, wo er eigentlich sein wollte.

Im Abteil scharren sie nervös mit den Füßen, ehe die Bahn überhaupt gehalten hat, das Handy fest umklammert. Es muss schnell gehen. Der nächste Anruf, die nächste Nachricht könnten alles verändern. Bloß nichts verpassen. Immer einen Schritt vor den anderen sein, nur nicht abgehängt werden.

Sie springen aus den Zügen und verschwinden in der Masse. Als ginge die Welt ohne sie unter, als brächte Ihr Zutun die Welt erst ins Rollen.

Jede Pause und jedes Warten fühlen sich an wie ein Rückschritt. Zeit ist Geld, und mit viel Geld kann man sich Zeit kaufen, wenn es dann nicht schon zu spät ist.

Die Ampeln haben kein Erbarmen. Sie leuchten rot. Nicht verführerisch, sondern mahnend rot.

Die Autos rasen vorbei, die Fahrer sind in Eile. Kein Blick nach rechts, kein Blick nach links. Nur nach vorne – auf die Straße und aufs Display.

Das Warten an der Ampel kann sich hinziehen, es gibt nur eine Richtung. Eine Flucht unmöglich.

Hat man viel Geld, kann man sich aussuchen, neben wem man wohnt. Wartet man hingegen an der Ampel, könnte jeder neben einem stehen: Ein mit sich hadernder Bettler, ein Anzug tragender Tunichtgut, ein bekanntes Gesicht.

„Wie geht’s? Lange nicht gesehen. Toll schaust Du aus. Wir müssen uns unbedingt auf einen Kaffee treffen.“ Zack, weiter! Aus den Augen, aus dem Sinn. Doch die Lüge bleibt. Die wohl größte Lüge der heutigen Gesellschaft: Nicht das Kompliment, sondern der Kaffee.

Wie oft ist diese Einladung schon gefallen, wie häufig folgten nichts als Ausreden. Es wäre lediglich verschoben, nicht aufgehoben.

Es ist das Sinnbild einer umherirrenden Gesellschaft. An allem irgendwie hängen, nie wirklich loslassen, sich alles offenhalten. Auf keinen Fall festlegen, aber auch nicht absagen, höchstens unverbindlich zusagen. Alles bis zum Schluss hinauszögern, weil es immer etwas Besseres geben könnte.

Mithilfe der Digitalisierung filtern sie sich zu etwas Besserem: Schlanker, gesünder und beliebter. Kurzum: Sie spielen sich als Schöpfer auf und erschaffen bloß eine falsche Welt. So selbstbewusst sich viele geben, so sehr sie auf Fotos lachen, so unsicher sind sie. Sie haben Angst und ducken sich weg. Sie legen sich nicht fest, weil sie damit scheitern könnten. Scheitern passt einfach nicht in eine Welt voller Glitzer, Filter und Ultra HD. Man stellt sich keinen Problemen, man arbeitet nicht an sich selbst. Stattdessen redet man sich Dinge schön oder nimmt bei den winzigsten Problemen Reißaus und umgibt sich mit anderen Personen, ehe einem wieder alles zu viel wird. Aber bloß nicht scheitern! Nicht scheibchenweise, nicht im Ganzen. Scheitern klingt nach Verlieren, und ein Verlierer will niemand sein. Über Verlierer lacht man. Die Pfade des Scheiterns sind einsam und dunkel: „Geh Du mal scheitern, ich warte auf Dich … Vielleicht … Wenn sich in der Zwischenzeit nichts Besseres ergibt. Und wenn doch, dann kannst Du es ja toppen. Erzähl mir davon bei einem Kaffee.“

Daniel Verfasst von:

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